Mitgliederversammlung 2011

Am Rand der Republik fand diesmal die Mitgliederversammlung von BOB statt. Dennoch – oder gerade deswegen – fanden fast 40 Interessierte den Weg nach Dresden an die Elbe. Für die Meisten war es eine relativ lange Anfahrt. Dennoch waren die 31 Mitglieder gleich am Freitagabend gefordert. Galt es doch die von der Satzung verlangte Mitgliederversammlung einschließlich der alle drei Jahre anstehenden Vorstandswahlen binnen weniger Stunden abzuwickeln.

Entlastet und großteils neu gewählt: So kann man das Ergebnis der Wahlen zusammenfassen. Bestätigt wurden
Werner Sänger als Vorsitzender;
Andreas Beinert als sein Stellvertreter;
Sabine Lohner als Schriftführerin;
Georg Nadj als Kassenwart.
Als Beisitzerin neu im BOB-Vorstand ist Simone Peter.

Der Samstag

Nach dem langen Abend der Mitgliederversammlung hat wohl mancher erst am Samstagmorgen sein hübsches, geräumiges Zimmer richtig wahrgenommen. Unser Hotel war das Gästehaus der Uni. Relativ zentral gelegen ist das Gebäude, was die Orientierung angeht, recht einfach zu bewältigen. Ganz oben im vierten Stock liegt das Restaurant, wo es – vor allem beim Frühstück – zwar freundliches, aber eindeutig zu wenig Personal für unseren Personenkreis gab. Ich nehme an, jeder und jede hat irgendwas gefrühstückt. Was und wie viel es gab war dann eher dem Zufall überlassen oder den Begleitern oder „Sehrestlern“.

Die erste Station unseres Rahmenprogramms waren die technischen Sammlungen Dresdens. Sie sind in einer alten Produktionsanlage für Fotoapparate und Kinogeräte untergebracht. Nach der Ost-West-Vereinigung wurde auch dieser Betrieb abgewickelt. Die bis zu zehn Etagen des Heinrich-Ernemann-Baus aus dem Jahr 1898 beherbergen nun das Museum mit vielen Abteilungen.

Unser Zeitbudget war mit zwei Stunden eher gering bemessen. So mussten wir uns mit drei Abteilungen begnügen: Den Speichermedien, einer Ausstellung von Foto- und Kinogerätschaften und einem physikalischen Experimentierfeld.

Speichermedien:
Wer am Erlebniswochenende in Bad Urach teilgenommen hatte, traf in Dresden auf alte Bekannte. Es waren eine Vielzahl von selbst spielenden Musikinstrumenten und Grammophonen zu bewundern, die, obschon in vielen Museen gezeigt, immer wieder faszinierend sind.

So gab es eine relativ flache Spieluhr zu bestaunen, die mit LP-großen Metallplatten bestückt wird. In die Platten werden von oben her Vertiefungen gestanzt, unten sind also dicke Punkte zu fühlen, die dann die Metallzähne eines gestimmten Klangkamms anreißen. Zu sehen waren auch die mechanischen Klaviere, die von gelochten Papierbahnen gesteuert werden. Interessant ist, dass es sowohl für diese Pianorollen als auch für die Spieluhrplatten Vervielfältigungsmaschinen gab. Man versprach sich also seinerzeit einen gewissen „Massenmarkt“ für gespeicherte Musik. Konnte ja auch niemand wissen, dass man bald den Klang selbst würde aufzeichnen können und die Medien mit reinen Steuerdaten für Musikinstrumente damit wieder ganz schnell verschwinden sollten.

Und so wird auch viel Kratzendes gezeigt: Eine Goldgusswalze mit vier Minuten Musik oder ein Altplattenspieler, der ohne Trichter auskommt, da das Gehäuse selbst als Resonanzraum verwendet wird. Spannt man mit dem Aufzug die Feder, so entringt sich dem Gerät eine sehr leiernde Waldeslust, die im Gehäuse auch ohne Lautsprecher überraschend kräftig verstärkt wird.

Auch ein Aufnahmestudio ist zu finden, dessen Herz ein mehrere Meter breites Mischpult aus solider DDR-Produktion ist. Und wer jemals Gelegenheit hatte, ein in Leipzig gedrucktes Punktschriftbuch der 70er oder 80er Jahre zu beschnuppern, weiß auch, wie es in dem Studio roch.

Auch die Fotografie erlebte Ende des 19. Jahrhunderts ihren ersten Höhenflug. Und so werden in der Fotoausstellung neben Atellierkameras der ersten Zeit, die wie große, für die Ewigkeit gefertigte Maschinen aussehen, auch Kleinkameras mit einfachster Ausstattung gezeigt. Denn man wollte die Fotografie sozusagen volksfähig machen und dazu musste sie erschwinglich und die Geräte entsprechend billig werden. Die „Volkskameras“ sehen denn auch sehr schlicht aus: Wenig formschöne Schächtelchen mit einfachster Mechanik, in die aber bereits ein Rollfilm eingelegt wurde.

Martialisch sind die ersten Kinovorführmaschinen zu nennen. Der Film durchläuft das Gerät von oben nach unten, auf eine Rolle passten rund 20 Minuten Kinospaß, danach musste in fliegendem Wechsel auf eine zweite Maschine umgeschaltet werden. 
Hinter der Abtastmechanik wurde im so genannten „Lampenhaus“ für das nötige Licht gesorgt. Als Lichtquelle diente ein elektrischer Lichtbogen, der zwischen zwei Kohlestäben gezündet wurde. Nur dieses Licht war für die Kinobedürfnisse stark genug. Die entstehende Hitze wurde über eine Art Schornstein nach oben abgeführt.

Faszination Physik:
Damit diese Erkenntnis überspringen kann, gibt es im Experimentierfeld eine Vielzahl von Aufbauten, die man selbst in Gang setzen kann. So werden auf einer mit Filz belegten Tischplatte Bauklötze, die mit Ziffern versehen sind, aneinandergelegt. Macht man das richtig, liegen die Klötze in einem Bogen. Jetzt wird der Tisch vorsichtig in die Senkrechte geklappt und danach wieder abgesenkt. Der Klötzebogen bleibt stehen und trägt sich selbst. Ist schon klar, aber wenn man’s so simpel vorgeführt bekommt, überläuft’s einen doch physikalisch-schaurig-schön.

Es gibt auch eine Vielzahl von Experimenten zur Akustik: Eine Lochsirene (das ist eine Metallscheibe mit Löchern, die in konzentrischen Kreisen angeordnet sind) rotiert, auf der man mit einem Druckluftschlauch musizieren kann, es gibt Klangröhren, die ihre Schwingungen an die benachbarten Klangröhren weiter reichen und vieles mehr. Der Raum war – so soll's ja auch sein – aber heftig von Schulklassen frequentiert, was eine Verständigung oder das bewusste Hinhören sehr erschwerte.

Der Nachmittag gehörte der Stadtgeschichte Dresdens – oder doch eher dem Klamauk? Letztlich muss das jeder für sich selbst entscheiden. Fakt ist: Ein Schauspielerpaar brachte uns in der Tracht, wie sie zur Zeit des Kurfürsten August von Sachsen getragen wurde und in entsprechend höfischer Sprache die Geschichte der sächsisch-polnischen Herrscher nahe. Das alles passierte bei einem Spaziergang durch die Altstadt Dresdens, vorbei an der Frauenkirche, dem Zwinger und der Semperoper. Alles Kulturdenkmäler, die beim Bombenangriff auf Dresden im Februar 1945 in Schutt und Asche fielen und die teils erst Jahrzehnte später wieder errichtet wurden. Eine Kutschfahrt rundete den Spaziergang ab. Wer wollte, konnte danach noch die Geschäfte und Cafés des Dresdner Zentrums erkunden.

In eine Interessante Richtung gehen die Dresdner Verkehrsbetriebe mit ihren Bussen und Straßenbahnen. Sie bieten für Blinde Zusatzinformationen an und das geht so: Vom Blindenverband bekommen Nutzer ein Kästchen mit 6 Tasten, die wie ein Vollzeichen angeordnet sind. Drei davon sind belegt, die restlichen sind noch frei. Mit diesem Kästchen kann man, wenn sich ein Bus oder eine Straßenbahn nähert, über die Außenlautsprecher des Fahrzeugs die Liniennummer und den Linienverlauf ansagen lassen. Mit den beiden anderen Tasten kann man im Fahrzeug die Haltestellenansage wiederholen und Bedarfshaltestellen anfordern.

Auch wenn der Sonntag weitgehend wieder der Abreise gehörte, war die Mitgliederversammlung in Dresden doch etwas Besonderes. Denn wenige Mitglieder waren bislang je dort gewesen. Dank an dieser Stelle an die Organisatoren.

Peter Beck